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Wasserstoff-Kernnetz: Erste 500 Kilometer in Betrieb – Kapazitätsnachfrage übertrifft Erwartungen
Das deutsche Wasserstoff-Kernnetz hat die Phase der reinen Planung verlassen. Zwei Jahre nach der Genehmigung durch die Bundesnetzagentur am 22. Oktober 2024 sind nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums erste Leitungen mit einer Gesamtlänge von mehr als 500 Kilometern in Betrieb gegangen. Seit dem 19. März 2026 können Erzeuger, Abnehmer und Händler Transportkapazitäten im Kernnetz für bis zu sieben Jahre im Voraus verbindlich reservieren, wie die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB Gas) mitteilen.
Die Nachfrage nach Kapazitäten übertraf nach Darstellung der FNB die Erwartungen. Das dritte Marktinformationspaket der Netzbetreiber vom August 2026 zeige einen deutlichen Bedarf entlang des Netzverlaufs, heißt es in einer Mitteilung der FNB Gas. Grundlage des Reservierungsprozesses ist ein im März 2026 veröffentlichtes Marktinformationspaket, das die Clusterstruktur, die Höhe der reservierbaren Kapazitäten und den standardisierten Ablauf beschreibt.
Das genehmigte Kernnetz umfasst 9.040 Kilometer Leitungen mit einem Investitionsvolumen von 18,9 Milliarden Euro. Rund 60 Prozent der Gesamtlänge entstehen durch die Umstellung bestehender Erdgasleitungen, der Rest durch Neubau. Die Einspeise- beziehungsweise Ausspeisekapazitäten des finalen Netzes liegen bei rund 101 Gigawatt beziehungsweise 87 Gigawatt, wie die Bundesnetzagentur und die FNB Gas übereinstimmend angeben. Die Fertigstellung ist für 2032 vorgesehen, einzelne Maßnahmen können sich nach den Vorgaben des Energiewirtschaftsgesetzes bis 2037 erstrecken.
Das vergleichsweise hohe Tempo des Aufbaus erklärt sich aus der Bauweise: Rund 60 Prozent des Kernnetzes entstehen durch die Umstellung bestehender Erdgasleitungen, die für den neuen Energieträger ertüchtigt werden. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums wird dabei für jede Leitung einzeln ein Maßnahmenkatalog erstellt und unter Aufsicht eines Sachverständigen nach der Gashochdruckleitungsverordnung abgearbeitet. Das Erdgas wird über Verdichter aus der Leitung entleert, im drucklosen Zustand erfolgen Anpassungsmaßnahmen, anschließend wird die Leitung mit Wasserstoff befüllt und in den regulären Transportbetrieb überführt. Je nach Zustand der Leitung kann dieser Prozess mehrere Jahre dauern.
Der Neubau einer Wasserstoffleitung ist demgegenüber deutlich aufwendiger: Nach Einschätzung des Ministeriums sind dafür je nach Länge und Genehmigungsverfahren fünf bis acht Jahre einzurechnen. Weil Umstellungsleitungen schneller und kostengünstiger verfügbar sind, bilden sie den überwiegenden Teil des Netzes. An einzelnen Stellen sind zugleich erdgasverstärkende Maßnahmen erforderlich, damit das verbleibende Fernleitungsnetz die noch bestehenden Erdgasbedarfe bedienen kann – meist handelt es sich um kurze Abschnitte von teils unter einem Kilometer.
Längste Wasserstoffleitung der Welt in Ostdeutschland
Der bislang größte Einzelbaustein ging im Dezember 2025 in Betrieb: Die Gascade Gastransport GmbH stellte eine knapp 400 Kilometer lange Verbindung bestehender Erdgasleitungen der OPAL- und JAGAL-Trassen von Lubmin an der Ostsee bis nach Bobbau beziehungsweise Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt auf Wasserstoff um. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums handelt es sich um die weltweit längste Wasserstoffleitung. Sie bildet eine Nord-Süd-Achse vom Ostseeraum bis in die mitteldeutschen Industrieregionen.
Zuvor waren bereits kleinere Abschnitte ans Netz gegangen. Im März 2025 nahm der Netzbetreiber Nowega eine rund 55 Kilometer lange Umstellungsleitung zwischen Lingen und Bad Bentheim in Niedersachsen in Betrieb. Im April 2025 folgte nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums die erste Kernnetzleitung Ostdeutschlands: eine 25 Kilometer lange Strecke der Ontras Gastransport vom Energiepark Bad Lauchstädt zur TotalEnergies Raffinerie Mitteldeutschland in Leuna. Dort soll grüner Wasserstoff aus einem 30-Megawatt-Elektrolyseur die Raffinerie beliefern, sobald die Erzeugungsanlage vollständig hochgefahren ist.
Refinanzierung und Regulierung
Die Bundesnetzagentur hat am 14. Juli 2025 das Hochlaufentgelt für die Nutzung des Kernnetzes auf 25 Euro pro Kilowattstunde pro Stunde und Jahr festgelegt. Das Entgelt soll die Refinanzierung des Netzaufbaus über ein Amortisationskonto ermöglichen, das bis 2055 ausgeglichen werden soll, wie FNB Gas darlegt. Mit den Festlegungen WaKandA und WasABi hat die Regulierungsbehörde zudem die Regeln für die Vermarktung von Kapazitäten und die Bilanzierung im Wasserstoffmarkt bestimmt, die ab dem 1. Januar 2028 gelten.
Die Netzbetreiber weisen gleichzeitig auf offene Fragen hin. FNB Gas bezeichnete den Entwurf der Bundesnetzagentur zur Verzinsung der Milliardeninvestitionen im September 2026 als nicht sachgerecht. Ob und wie sich die Auseinandersetzung um die Renditesätze auf das Ausbautempo auswirkt, ist nach derzeitigem Stand nicht absehbar.
Bedeutung für den Markthochlauf
Das Kernnetz soll das als Henne-Ei-Problem beschriebene Grunddilemma des Wasserstoffhochlaufs lösen: Erzeuger investieren nur, wenn Abnehmer gesichert sind, und Abnehmer nur, wenn der Transport verlässlich ist. Mit verbindlich reservierbaren Transportkapazitäten erhalten beide Seiten nach Darstellung der Netzbetreiber Planungssicherheit für eigene Projekte. Die gesetzlich vorgesehene Überprüfung und Weiterentwicklung des Kernnetzes erfolgt alle zwei Jahre im Rahmen der integrierten Netzentwicklungsplanung für Gas und Wasserstoff.
Ob aus den Reservierungen tatsächlich langfristige Transportverträge und damit ein tragfähiger Wasserstoffmarkt werden, hängt nach Einschätzung der Branche auch von den Rahmenbedingungen auf der Erzeugungs- und Nachfrageseite ab. Die FNB Gas fordert in diesem Zusammenhang verlässliche politische Bedingungen, damit private Investitionen entlang der Wertschöpfungskette ausgelöst werden.
Parallel zum Netzausbau wachsen die Anschlussprojekte an beiden Enden der Wertschöpfungskette. In Lingen entstehen nach Angaben der Projektpartner Elektrolyseure mit jeweils 100 Megawatt Leistung, im Energiepark Bad Lauchstädt ein 30-Megawatt-Elektrolyseur samt Kavernenspeicher. Bis 2029 sollen nach Angaben von Gascade im Rahmen des Umstellungsprogramms auch die Industriezentren in Süddeutschland an das Netz angeschlossen werden; weitere Leitungen in Richtung Polen, Tschechien, Bayern und Österreich sind in Planung. Das Kernnetz ist dabei als Anschluss an den European Hydrogen Backbone konzipiert, das länderübergreifende Wasserstoffnetz der europäischen Fernleitungsbetreiber.
Quellen
- Bundesnetzagentur: Pressemitteilung zur Genehmigung des Wasserstoff-Kernnetzes, 22. Oktober 2024
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz: FAQ zum Wasserstoff-Kernnetz
- FNB Gas: Wasserstoff-Kernnetz – Eckdaten, Marktinformationspakete und Reservierungsprozess
- Gascade Gastransport: Inbetriebnahme der umgestellten OPAL/JAGAL-Trasse, Dezember 2025



