Tiefe Geothermie in Deutschland: Rekordbestand von 45 Anlagen – und 178 Projekte in Planung

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In Deutschland sind so viele tiefengeothermische Anlagen in Betrieb wie nie zuvor: Nach Angaben des Bundesverbandes Geothermie (BVG) nutzen derzeit 45 Anlagen mit Bohrungen von meist mehreren tausend Metern Tiefe die Erdwärme zur Bereitstellung von Wärme oder Strom. Zum Vorjahresbeginn waren es noch 42 Anlagen. Weitere 18 Anlagen befinden sich dem Verband zufolge im Bau, zwei mehr als im Vorjahr. Besonders deutlich fällt der Aufwärtstrend bei den geplanten Projekten aus: Deren Zahl liegt inzwischen bei 178 – das sind 23 mehr als noch ein Jahr zuvor. Die Zahlen gehen aus der aktuellen Ausgabe der Projektlandkarte „Tiefe Geothermieprojekte in Deutschland“ hervor, die der Verband im jährlichen Rhythmus aktualisiert.

Von den 45 Anlagen in Betrieb dienen nach BVG-Angaben 43 der Bereitstellung von Wärme. Zwei Anlagen erzeugen ausschließlich Strom, zehn weitere speisen zusätzlich zur Fernwärmelieferung Strom in die Netze ein. Die installierte Wärmeleistung liegt bei 442 Megawatt, die installierte elektrische Leistung bei 47 Megawatt. Die durchschnittliche Teufe der Bohrungen beziffert der Verband auf rund 2.500 Meter. Hinzu kommen nach Angaben des Verbandes bundesweit 170 Thermalbäder mit tiefengeothermischer Nutzung.

Erlaubnisse nahezu verdoppelt

Das Interesse an der Tiefengeothermie als Instrument zur Dekarbonisierung der Wärmenetze ist nach Darstellung des Verbandes deutlich gestiegen: Bereits 2024 hatte sich die Zahl der erteilten Aufsuchungserlaubnisse im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt – von 82 auf 155 Anlagen. Rahmenbedingungen hat zuletzt unter anderem das Geothermiebeschleunigungsgesetz geschaffen, mit dem Verfahren für Erdwärmeprojekte gestrafft werden. Ergänzend haben die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und Munich Re einen „Förderkredit Tiefengeothermie“ aufgelegt, der das Entdeckungsrisiko von Bohrungen absichern soll – lange eines der zentralen Finanzierungshindernisse der Branche.

„Viele heimische Unternehmen stehen in den Startlöchern und wollen Projekte realisieren, die Arbeitsplätze schaffen, zur Versorgungssicherheit beitragen und unsere Umwelt erhalten. Jetzt ist es wichtig, klare Signale zu senden, dass die Wärme- und Kältewende ungebremst weitergehen soll“, sagte Gregor Dilger, Geschäftsführer des Bundesverbandes Geothermie, anlässlich der Veröffentlichung der Landkarte. „Wir brauchen verlässliche Förderprogramme und ein zugkräftiges Ordnungsrecht.“

Großes Potenzial bislang ungenutzt

Obwohl der Bestand wächst, bleibt die Rolle der tiefen Geothermie in der deutschen Wärmeversorgung bislang klein: Nach BVG-Angaben kommt die Technologie derzeit auf rund 1,8 Terawattstunden Wärme pro Jahr. „Perspektivisch könnten tiefengeothermische Anlagen allein mindestens ein Viertel des Wärme- und Kältebedarfs in Deutschland decken“, sagte Dilger. Wird die Tiefe Geothermie wie angestrebt auf 10 Terawattstunden pro Jahr ausgebaut, könnten nach Verbandsschätzung rund 24.000 Arbeitsplätze entstehen, pro Jahr 34 Millionen Tonnen CO₂ vermieden und Importkosten für fossile Brennstoffe von bis zu 9 Milliarden Euro eingespart werden. Das Umweltbundesamt weist in seinen Veröffentlichungen ebenfalls auf das erhebliche, bislang wenig genutzte Potenzial hin und ordnet die tiefen Lagerstätten – meist ab etwa 2.000 Metern Tiefe mit Temperaturen von mehr als 60 Grad Celsius – als wichtigen Baustein der Wärmewende ein.

Das Gewicht der Technologie erklärt sich auch aus der Struktur des Verbrauchs: Auf Wärme und Kälte entfällt rund die Hälfte des Endenergieverbrauchs in Deutschland. Wer die Wärmeversorgung dekarbonisieren will, kommt nach Einschätzung von Fachverbänden und Behörden an grundlastfähigen Quellen nicht vorbei – Erdwärme liefert anders als Wind und Photovoltaik rund um die Uhr.

Geretsried: Closed-Loop-Anlage speist Strom ein

Einen technischen Meilenstein meldete zuletzt das kanadische Unternehmen Eavor aus Geretsried in Oberbayern: Die dortige Anlage speist nach Unternehmensangaben seit Kurzem Strom in das öffentliche Netz ein. Es handelt sich um den weltweit ersten kommerziellen Betrieb dieser Bauart. Der sogenannte Eavor-Loop besteht aus zwei vertikalen Bohrungen, von denen jeweils sechs horizontale Seitenbohrungen abzweigen. Die insgesamt zwölf lateralen Bohrungen wurden unterirdisch Spitze an Spitze verbunden und bilden sechs Paare mit einer durchgehenden Bohrstrecke von je 16 Kilometern Länge – nach Unternehmensangaben zählen sie zu den längsten der Welt. Gemeinsam bilden sie einen unterirdischen Wärmeübertrager.

Der geschlossene Kreislauf kommt ohne die Förderung von Thermalwasser aus natürlichen Aquiferen aus und ist nach Herstellerangaben für unterschiedliche geologische Bedingungen geeignet. „Der technologische und kommerzielle Erfolg in Geretsried bestätigt das Projekt als Blaupause für eine breitere europäische und weltweite Umsetzung“, sagte Fabricio Cesário, Head of Project Delivery and Operations bei Eavor. Mark Fitzgerald, Präsident und CEO des Unternehmens, sprach von den „weltweit ersten Elektronen, die aus geschlossenen, multilateralen Bohrungen erzeugt wurden“.

Ob sich die Closed-Loop-Bauart breit durchsetzt, bleibt offen – die Kosten der aufwendigen Bohrtechnik gelten als zentrale Hürde. Branchenvertreter verweisen darauf, dass auch konventionelle hydrothermale Projekte in Süddeutschland, im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken seit Jahren Wärme liefern und im Zuge der neuen Förderkulisse weiter an Bedeutung gewinnen dürften.

Die meisten laufenden und geplanten Projekte zielen auf die Einspeisung in Fernwärmenetze. Kommunale Versorger prüfen Erdwärme nach Angaben des Verbandes zunehmend als Ersatz für kohle- und gasbefeuerte Heizwerke, zumal die Wärmeplanungspflichten für Kommunen die Entscheidungsprozesse beschleunigen. Die Tiefe Geothermie eignet sich dabei vor allem für die Grundlast: Die Anlagen laufen nahezu ununterbrochen und liefern unabhängig von Wetter und Tageszeit. Einen Ausgleich zu Spitzenlasten übernehmen in der Regel Spitzenlastkessel oder Speicher.

Für den weiteren Ausbau nennt die Branche vor allem drei Voraussetzungen: verlässliche Förderprogramme, eine zügige Genehmigungspraxis und qualifizierte Bohrkapazitäten. Die Zahl der erteilten Aufsuchungserlaubnisse zeigt nach Verbandsangaben, dass die Projektentwicklung bereits anzieht – ob daraus in den kommenden Jahren ebenso viele Baustellen und Inbetriebnahmen folgen, hängt nach Einschätzung von Fachleuten maßgeblich an der Verfügbarkeit von Bohranlagen und Fachpersonal. Der BVG aktualisiert seine Projektlandkarte im jährlichen Rhythmus; die nächste Ausgabe dürfte zeigen, ob sich der Planungsboom in gebauten Anlagen niederschlägt.

Quellen:

  • Bundesverband Geothermie e. V. – Geothermie in Zahlen: https://www.geothermie.de/aktuelles/geothermie-in-zahlen
  • Bundesverband Geothermie / Solarserver – Landkarte „Tiefe Geothermieprojekte in Deutschland“: https://www.solarserver.de/2026/02/27/bundesverband-geothermie-landkarte-tiefe-geothermieprojekte-in-deutschland-aktualisiert/
  • Eavor / Euroheat & Power – Geothermieanlage mit Closed-Loop-Technologie nimmt Stromproduktion auf: https://www.energie.de/euroheatpower/news-detailansicht/nsctrl/detail/News/geothermieanlage-mit-closed-loop-technologie-nimmt-stromproduktion-auf
  • Umweltbundesamt – Tiefe Geothermie: mögliche Umweltauswirkungen und Potenziale: https://md.umwelt.info/dataset/website-publications-uba/-publikationen-tiefe-geothermie-moegliche-umweltauswirkungen

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