Energie, Umwelt & Klimaschutz im Fokus!

Verkehrslärm: Jeder vierte Deutsche lebt über der 55-Dezibel-Marke
Mehr als jeder vierte Deutsche lebt an Orten, an denen der Verkehrslärm über den gesamten Tag und die Abendstunden gemittelt die Marke von 55 Dezibel überschreitet. Das geht aus dem Umweltindikator des Umweltbundesamtes (UBA) hervor, der die Daten der Lärmkartierung nach der EU-Umgebungslärmrichtlinie auswertet. Demnach waren zuletzt 26,3 Prozent der Bevölkerung einem ganztägigen Verkehrslärmpegel (Lden) von mehr als 55 dB(A) ausgesetzt; nachts lag der Anteil bei 17,9 Prozent. Besonders stark belastet ist der Straßenverkehr: 2,3 Millionen Menschen in Deutschland sind nach Angaben des UBA ganztags Pegeln von mehr als 65 dB(A) ausgesetzt, nachts leben 2,6 Millionen Menschen an Orten mit entsprechend hohen Belastungen.
Eine Befragung des UBA ergab zudem, dass sich 67 Prozent der deutschen Bevölkerung durch Straßenverkehrslärm gestört fühlen. Die Werte stammen aus dem Indikator „Belastung der Bevölkerung durch Verkehrslärm“ und den Themenseiten des Amtes zum Straßenverkehrslärm.
Mehr als ein Störfaktor
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Umgebungslärm als einen der führenden Umweltrisikofaktoren für die körperliche und psychische Gesundheit in der europäischen Region ein. Hauptquellen sind der Straßen-, Schienen- und Flugverkehr. Für die Europäische Union gehen Schätzungen davon aus, dass etwa jeder fünfte Bürger — rund 100 Millionen Menschen — gesundheitsschädlichen Pegeln des Straßenverkehrslärms ausgesetzt ist.
Konkretere Zahlen liefert die Europäische Umweltagentur (EUA) in ihrem Bericht „Environmental noise in Europe 2025″. Danach sind nach den Meldedaten der Umgebungslärmrichtlinie mehr als 20 Prozent der Europäer — mehr als jeder Fünfte — schädlichen Verkehrslärmpegeln ausgesetzt. Nach den strengeren WHO-Empfehlungen steigt der Anteil auf über 30 Prozent, also nahezu jede dritte Person. Allein dem Straßenverkehr sind demnach schätzungsweise 92 Millionen Menschen über dem Richtwert von 55 dB im Tag-Abend-Nacht-Index ausgesetzt, dem Schienenverkehr 18 Millionen und dem Flugverkehr 2,6 Millionen.
Die gesundheitlichen Folgen beziffert die Agentur auf 73.000 vorzeitige Todesfälle jährlich in Europa sowie rund 49.000 neue Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 23.000 Fälle von Typ-2-Diabetes pro Jahr, die chronischer Verkehrslärmbelastung zugeschrieben werden. Fast 16,9 Millionen Europäer erleben nach den Berechnungen langfristig starke Belästigung durch Verkehrslärm, etwa 4,6 Millionen leiden unter erheblichen Schlafstörungen. Insgesamt gehen der Analyse zufolge jährlich 1,5 Millionen gesunde Lebensjahre verloren; die ökonomischen Kosten beziffert die EUA auf mindestens 100 Milliarden Euro im Jahr, etwa 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Region.
Neuere Forschungsergebnisse deuten auf weitere Zusammenhänge: Eine 2025 veröffentlichte systematische Auswertung epidemiologischer Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Verkehrslärm bei Erwachsenen mit moderater bis hoher Evidenz mit Gesamtmortalität, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz und Depressionen assoziiert ist. Bei Kindern zeigen die Studien Zusammenhänge mit eingeschränkter kognitiver Leistungsfähigkeit, Verhaltensauffälligkeiten und Übergewicht. Nach Einschätzung der EUA könnten über eine halbe Million Kinder in Europa Leseschwierigkeiten und rund 115.000 Kinder Verhaltensprobleme aufgrund von Verkehrslärm entwickeln.
Besonders niedrig liegt nach der neuen Studienlage die Schwelle, ab der Gesundheitsrisiken messbar werden: Die Metaanalysen ergaben einen monoton ansteigenden Risikozuwachs bereits ab einem Lden von 45 dB — deutlich unterhalb der 55-dB-Berichtsschwelle der Umgebungslärmrichtlinie. Für die ischämische Herzerkrankung berechneten die Forschenden ein relatives Risiko von 1,041 je 10-dB-Anstieg des Straßenverkehrslärms.
Politische Zielmarke in weiter Ferne
Die EU-Kommission hatte 2021 im Aktionsplan „Auf dem Weg zu einer schadstofffreien Umwelt für Luft, Wasser und Boden“ das Ziel formuliert, die Zahl der dauerhaft durch Verkehrslärm stark belästigten Menschen bis 2030 um 30 Prozent gegenüber dem Stand von 2017 zu senken. Die EUA hält dieses Ziel nach aktuellen Projektionen für unerreichbar ohne zusätzliche regulatorische Maßnahmen: Zwischen 2017 und 2022 sei die Zahl der stark belästigten Menschen in der EU nur um schätzungsweise 3 Prozent zurückgegangen — deutlich langsamer als nötig.
Für Deutschland betreibt das UBA mit der Lärmkartierung die amtliche Erfassung. Alle fünf Jahre müssen Ballungsräume, Hauptverkehrsstraßen, Haupteisenbahnstrecken und Großflughäfen nach der Umgebungslärmrichtlinie kartiert und Lärmaktionspläne vorgelegt werden. Aus den Kartierungen ergeben sich die Zahlen, auf die sich der Umweltindikator stützt. Das UBA weist zugleich darauf hin, dass die Meldepflichten nur einen Teil der tatsächlich belasteten Flächen abdecken — die reale Belastung dürfte höher liegen. Auch die WHO hebt in einer Übersicht zur Umsetzung ihrer Lärmleitlinien hervor, dass die gemeldeten Zahlen die tatsächlichen Gesundheitsfolgen wahrscheinlich unterschätzen, weil negative Effekte bereits unterhalb der verbindlichen Berichtsschwellen auftreten.
Als Gegenmaßnahmen nennen Fachbehörden unter anderem Geschwindigkeitsbegrenzungen auf stark befahrenen Straßen, lärmarme Fahrbahnbeläge, leisere Fahrzeugantriebe, die bauliche Trennung von Wohnen und Verkehrswegen in der Stadtplanung sowie aktive und passive Schallschutzmaßnahmen an Gebäuden. Welche Maßnahmen im Einzelfall greifen, entscheiden die Kommunen im Rahmen ihrer Lärmaktionsplanung. Die WHO-Leitlinien empfehlen für den Straßenverkehr Richtwerte, die unter den geltenden Berichtsschwellen liegen; als zentrales Umsetzungshindernis wurde in einer Erhebung unter den Mitgliedsstaaten genannt, dass die empfohlenen Pegel als nicht erreichbar gelten und zwischen den nationalen Grenzwerten und den WHO-Werten große Abstände bestehen.
Für Deutschland steht die nächste Runde der Lärmkartierung nach dem Fünfjahresrhythmus der Umgebungslärmrichtlinie bevor; die Ergebnisse der aktuellen Berichtsrunde fließen in die Fortschreibung des UBA-Indikators ein. Die EUA will die gesundheitliche Bewertung des Verkehrslärms auf Basis der neuen epidemiologischen Expositions-Wirkungs-Funktionen weiter aktualisieren.
Quellen
- Umweltbundesamt: Indikator „Belastung der Bevölkerung durch Verkehrslärm“
- Umweltbundesamt: Straßenverkehrslärm
- Europäische Umweltagentur: Environmental noise in Europe 2025
- WHO Regionalbüro für Europa: Umweltlärm und Gesundheit
- Up-to-Date Epidemiological Evidence on Health Effects from Transportation Noise for Burden of Disease Assessment (Fachartikel, 2025)



