Energie, Umwelt & Klimaschutz im Fokus!

Flächenverbrauch in Deutschland: 50 Hektar pro Tag – 30-Hektar-Ziel für 2030 rückt in weite Ferne
Deutschland verbraucht weiterhin täglich große Flächen für Siedlungen und Verkehrswege. Im Vierjahresmittel der Jahre 2021 bis 2024 lag der tägliche Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsfläche bei 50 Hektar, wie das Umweltbundesamt (UBA) auf Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamts mitteilt. Das ist nur ein Hektar weniger als im vorangegangenen Vierjahreszeitraum 2020 bis 2023 mit 51 Hektar pro Tag. Umgerechnet entsprechen 50 Hektar etwa 70 Fußballfeldern – jeden Tag. Das Ziel der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, die Neuinanspruchnahme bis 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag zu senken, liegt damit in weiter Ferne.
Die Zahlen im Überblick
Die Gesamtfläche für Siedlung und Verkehr ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts von 40.305 Quadratkilometern im Jahr 1992 auf 52.266 Quadratkilometer im Jahr 2024 gestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von 11.960 Quadratkilometern beziehungsweise 29,7 Prozent in 32 Jahren. Dabei wuchs die Siedlungsfläche um 42,9 Prozent, die Verkehrsfläche um 10,4 Prozent. Der Zuwachs ging weit überwiegend zu Lasten landwirtschaftlich genutzter Flächen, wie das UBA festhält.
Das Tempo des Neuverbrauchs hat sich über die Jahrzehnte zwar deutlich verlangsamt: Zwischen 1997 und 2000 kamen im Schnitt noch 129 Hektar pro Tag hinzu, was nach UBA-Angaben rund 180 Fußballfeldern entspricht. Im Jahr 2009 lag der Wert erstmals unter 80 Hektar, 2015 bei 61 Hektar täglich. Seitdem bewegt sich der gleitende Vierjahresdurchschnitt nur noch langsam abwärts – zuletzt um einen Hektar innerhalb eines Jahres.
Für die Bewertung des Trends verwendet das UBA bewusst den gleitenden Vierjahresdurchschnitt. Damit sollen wetter- oder konjunkturbedingte Schwankungen in der Baubranche geglättet und der eigentliche Trend besser erkennbar werden, begründet die Behörde das Vorgehen.
Zur Einordnung der Daten weist das UBA darauf hin, dass die Erhebung auf der Auswertung der Liegenschaftskataster der Länder beruht. Das Statistische Bundesamt hatte die Ergebnisse der Jahre 2020 bis 2022 und deren gleitende Vierjahresmittelwerte zuletzt außerplanmäßig revidiert; die Hintergründe hat die Behörde in einer Pressemitteilung vom August 2025 erläutert. Als Indikator für die Jahre ab 2016 eignet sich wegen einer Umstellung der Erhebungsmethodik allenfalls der Vier-Jahres-Mittelwert.
Warum der bisherige Rückgang nicht reicht
Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sieht vor, den Flächenverbrauch bis 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag zu senken. Das Integrierte Umweltprogramm des Bundesumweltministeriums formuliert für 2030 ein Ziel von 20 Hektar pro Tag. Gemessen am aktuellen Wert von 50 Hektar müsste sich der Rückgang gegenüber dem bisherigen Tempo deutlich beschleunigen, um die Marke zu erreichen.
Auf europäischer Ebene kommt ein weiteres Ziel hinzu: Das UBA erläutert in einer eigenen Publikation das europäische Flächensparziel „Netto Null“, das vorsieht, die Netto-Flächenneuinanspruchnahme bis 2050 auf null zu reduzieren. Aus dem aktuellen Wert von 50 Hektar täglich ergibt sich damit eine Doppelaufgabe: Erst muss der Rückgang deutlich schneller werden, dann müsste langfristig jede neu belegte Fläche durch eine renaturierte oder entsiegelte Fläche an anderer Stelle ausgeglichen werden.
Die Folgen des anhaltenden Flächenverbrauchs benennt das UBA klar: Versiegelte Flächen schaden den Böden und begünstigen Hochwasser, weil Regenwasser nicht mehr versickern kann. Die Zersiedelung der Landschaft erzeuge zudem mehr Verkehr und damit weitere Belastungen. Hinzu kommt der Verlust landwirtschaftlicher Nutzfläche, auf der der Zuwachs weit überwiegend stattfindet.
Fachlich unterscheidet die Behörde dabei zwischen Flächenverbrauch und Bodenversiegelung: Nicht jede neu in Anspruch genommene Fläche wird auch versiegelt – zu den Siedlungsflächen zählen etwa auch Gärten und Grünanlagen. Umgekehrt zeigt die separate Statistik zur Bodenversiegelung, welche Flächen tatsächlich dauerhaft überbaut oder befestigt sind. Für die Umweltwirkungen sei beides relevant, so das UBA, weil auch unversiegelte Siedlungsflächen als Lebensraum für Tiere und Pflanzen weitgehend verloren gehen.
Innenentwicklung als Gegenmittel
Als wichtigsten Hebel gegen den Flächenverbrauch nennt das UBA die Innenentwicklung: Statt neue Flächen am Ortsrand zu erschließen, sollen Kommunen vorhandene Potenziale nutzen. Dazu zählen das Flächenrecycling, die Wiederbelebung von Brachflächen und die Nachverdichtung bestehender Siedlungsgebiete. In der Publikation „Flächenverbrauch einschränken – jetzt handeln“ fordert die Behörde entschlossenere Schritte.
Für die kommunale Praxis verweist das UBA unter anderem auf die Internetplattform „Aktion Fläche“, ein Portal für kommunales Flächenmanagement. Dort werden Ansätze gebündelt, mit denen Städte und Gemeinden ihre Flächeninanspruchnahme reduzieren können.
Auch wissenschaftliche Arbeiten aus dem Umfeld der Behörde beschäftigen sich mit der Umsetzung: In einer Studie zu internationalen Maßstäben und Strategien (Projekt SURFACE) hat das UBA untersucht, welche Instrumente andere Staaten zur Reduzierung des Flächenverbrauchs einsetzen. Eine weitere Publikation befasst sich mit den sozialen und städtebaulichen Folgen einer Kontingentierung der Flächenneuinanspruchnahme – also der Frage, was geschieht, wenn Kommunen nur noch ein begrenztes Flächenbudget zur Verfügung hätten.
Für Leserinnen und Leser ist die Unterscheidung der Zeiträume wichtig: Der Wert von 50 Hektar ist kein Tageswert eines einzelnen Jahres, sondern der Durchschnitt über die Jahre 2021 bis 2024. Einzelne Jahre können darüber oder darunter liegen; erst der gleitende Mittelwert zeigt nach Darstellung des UBA die tatsächliche Entwicklungsrichtung.
Ob die Ausbaupfade reichen, wird sich an den kommenden Vierjahreswerten ablesen lassen. Der nächste Indikatorstand wird zeigen, ob der Rückgang von einem Hektar pro Tag der Beginn einer stärkeren Trendwende war – oder ob das 30-Hektar-Ziel für 2030 endgültig außer Reichweite gerät.
Quellen:
- Umweltbundesamt: Siedlungs- und Verkehrsfläche (Indikator, zuletzt aktualisiert Februar 2026) — https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/siedlungs-verkehrsflaeche
- Statistisches Bundesamt: Flächennutzung (Pressemitteilung zur Revision, August 2025) — https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_286_412.html
- Bundesregierung: Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie — https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/die-deutsche-nachhaltigkeitsstrategie-318846
- Umweltbundesamt: Das Europäische Flächensparziel Netto Null — https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/das-europaische-flachensparziel-netto-null



